Er hat WikiLeaks groß gemacht. Er trägt WikiLeaks jetzt zu Grabe. Julian Assange muss diese Woche wieder vor Gericht in London auftreten – die nächste Verhandlung um seine Auslieferung nach Schweden steht an. Nur mit diesem Prozess gelingt es Assange zurzeit noch, die großen Schlagzeilen zu machen. Mit dem Geheimnisverrat dagegen ist es vorbei. Dafür gibt es Zeichen, und zwar zurzeit genau acht Stück:

Das Aus für die Autobiographie. Die Geschichte von Assange über Assange sollte über eine Million Euro wert sein. Die Verträge waren unterschrieben, doch jetzt hat Assange das Buchprojekt auf Eis gelegt. Angeblich könnte der Inhalt auch den USA Gründe dafür geben, eine Auslieferung zu verlangen. Da frage ich mich: Könnte Assange die betreffenden Textpassagen nicht einfach rausnehmen? Oder ist der wahre Grund, dass das Buch heute, ein gutes halbes Jahr nach dem Hype, keine Käufer mehr finden würde?

Das pathetische Werbevideo. „Watching the world change as a result of your work: priceless. There are some people who don’t like change. For everyone else, there is WikiLeaks.“ Vergangene Woche hat WikiLeaks eine brillante MasterCard-Parodie an den Start gebracht – auf eins der Unternehmen also, die der Enthüllungsplattform die Konten gesperrt haben. Das Video macht mich stutzig, denn aus dem Buch „Inside WikiLeaks“ von der früheren Nummer zwei Daniel Domscheit-Berg wissen wir: Assange macht den Mund oft besonders dann weit auf, wenn nur heiße Luft rauskommt.

Die Klage gegen Visa und MasterCard. Ob auf Druck der US-Regierung oder warum auch immer: Visa und MasterCard hatten WikiLeaks auf der Höhe des Hypes den Saft abgedreht. 15 Millionen US-Dollar sind der Enthüllungsplattform deshalb nach eigener Aussage durch die Lappen gegangen. Ob die Klage ein letztes lautes Zucken wird? Und die Richter, die am Ende entscheiden werden, dass Visa und MasterCard rechtens gehandelt haben, der letzte Todesstoß für das Projekt – weil es dann pleite ist?

Die große Intransparanz. Einer der größten Kritikpunkte an WikiLeaks war immer: „Ihr kämpft für vollständige Transparenz. Dann erzählt auch, wie es bei euch läuft.“ Mittlerweile ist bekannt: Es hat nie Hunderte Unterstützer weltweit gegeben. WikiLeaks waren nur Assange und sein Begleiter Domscheit-Berg. Wie sollen Informanten so einem Projekt heute noch trauen? Wo nicht klar ist, wie sicher die hochgeladenen Dokumente sind – und wo einer der wichtigsten Informanten, nämlich Bradley Manning, in den USA noch immer mit der Todesstrafe rechnen muss. Das ist Abschreckung genug.

Der Kampf um den WikiLeaks-Film. Klar: Die Story hinter WikiLeaks und Julian Assange klingt so großartig, als hätten Blockbuster-Produzenten sie auf dem Reißbrett entworfen. Hollywoods Filmstudios kämpfen gerade erbittert um die Rechte an der Verfilmung. Und würde Julian Assange damit am Ende zur lebenden Legende machen. So ist das auch mit Mark Zuckerberg in „The Social Network“ passiert. Und ich persönlich glaube ja auch, dass die Tage von Facebook eines Tages gezählt sein könnten.

Das Mittagessen mit Julian Assange. Kein schlechter Scherz: WikiLeaks hat im Juni tatsächlich ein Treffen mit seinem Gründer versteigert – für mindestens 400 Euro pro Person. Der komplette Erlös: für WikiLeaks. Das klingt verdammt nach dem perfekten Promi-Dinner: Er ist durch und braucht das Geld. Die Resonanz auf die Auktion war übrigens verhalten – und Nachberichte zum Essen selbst sind nicht zu finden. Ich würde mir wünschen, WikiLeaks deckt irgendwann die Wahrheit über dieses Mittagessen auf.

Die fehlende Upload-Software. Nach seinem Weggang von WikiLeaks hat Daniel Domscheit-Berg bekanntgegeben, dass er der Enthüllungsplattform eine Software entzogen hat. Jetzt fehlt ein sicherer Kanal, über den Informanten ihre Dokumente hochladen können. Dieser Kanal fehlt damit schon seit Monaten – WikiLeaks hat einfach keinen neuen Stoff mehr, den es veröffentlichen könnte. Allein das ist der Tod.

Die Konkurrenz, die nichts bringt. Nach WikiLeaks ist eine Reihe von Nachahmern an den Start gegangen: Al Dschasira hat seine „Transparency Unit“ gestartet, Daniel Domscheit-Berg den virtuellen toten Briefkasten „OpenLeaks“, andere Organisationen Plattformen wie „GreenLeaks“. Bei all diesen Projekten waren bisher höchstens Achtungserfolge drin. Ich glaube: Der Niedergang von WikiLeaks sorgt auch bei ihnen dafür, dass Informanten kein Vertrauen mehr fassen.

Fazit : Enthüllungsplattformen im Netz waren ein kurzes Aufflackern – ich glaube, es geht gerade vorbei mit ihnen. Wie sollen Informanten nach WikiLeaks jemals wieder einer solchen Plattform vertrauen? Und transparent zu werden, um Vertrauen zu schaffen, funktioniert auch nicht – schließlich geht es hier um Geheimnisverrat. Da ist Transparenz auch ein Problem. Julian Assange ist eine tragische Figur. WikiLeaks hat ihn groß gemacht. WikiLeaks holt ihn wieder auf den Boden zurück.

Quelle :Nerd Blog 1live.de