Schon Pur umsang das Gefühl einer ganzen Dating-Generation :

 „Und Sie steht wieder allein vor dem Spiegel, und sie weint hilflos in sich hinein-und Sie flucht mutlos,dann kocht die Wut hoch – dieses Scheiss-Leben ist wirklich gemein.“

(Songtext Pur „Allein vor dem Spiegel“)

Wenn man auf Partnersuche ist und dem Gehörgang plötzlich ein  „Du bist nett“ geschenkt wird,  hat das ungefähr denselben Stellenwert wie der unsägliche Spruch „Lass uns Freunde bleiben“. Spätestens dann sollten die in den Himmel geschraubten Liebesträume und Erwartungen an den Gegenüber auf den Boden der Tatsachen geholt werden, denn dies bedeutet im Klartext:

„Ich will keine Beziehung mit dir (weil das bedeuten würde, dass ich auch Sex mit dir haben müsste), aber ich möchte mich weiterhin bei dir ausheulen kommen können, wenn jemand meine Gefühle zertrampelt…“

In einem Forum las ich zu dieser Thematik des „nett seins“ einmal diesen Beitrag eines verzweifelten Zeitgenossen :

„…dass Frauen meinen Frust riechen können, kann ich mir gut vorstellen. Viele machen sich daraus auch noch einen Spaß und hauen dann noch mal so richtig drauf. Die meisten antworten aber nicht mal. Dass die Freude da auf der Strecke bleibt, ist klar. Und ich stecke voll drin in diesem Teufelskreis…“

Hintergrund:  Dieser Mann ist kein Depp – ich kenne ihn. Er hat einen guten Schreibstil sowie auch eine entsprechende Bildung. Dazu bewegen sich seine Suchkriterien im Rahmen des „Normalen“ – er pflegt kein überdimensioniertes Anspruchsdenken. Seine Einzigartigkeit aber besteht darin: Er ist  nicht jeder’frau’s Typ und er ist „nett“. Zu nett? Also der kleine Bruder von „Scheiße“  wie man so schön sagt?

Stellt sich die Frage : Welcher Typ gefällt schon jedem? Sind wir nicht deshalb so unterschiedlich in unserem Aussehen, unseren Genen und unserer Art gestrickt – weil es da draussen irgendwo jemanden gibt, dessen Puzzleteil genau passt? Zumindest in unserer Vorstellung …

– die Dating- Welt da draußen sieht leider anders aus : Abstrafung, Ignoranz, Mobbing und Häßlichkeiten – die es der oben genannten Person in Ihrer Einzigartigkeit und wohlwollender Nettigkeit nicht einfacher macht. “ Viele antworten mir nicht mal auf meine Mails“ sagt er.

Warum aber ist so ein normal-netter Mensch nicht mal eine Antwort wert? Auch ein  „Danke, aber von meiner Seite aus passt es leider nicht. Viel Glück bei Deiner weiteren Suche“ ist natürlich erlaubt .Kleiner Tipp : Muster-Massen-Mails oder Smilie-Sammlungen sollten künftig durch ein wenig mehr Eigenkreativität ersetzt werden (falls sich jemand in diesem Beitrag bzw. seiner momentanen Gefühlssituation hier wiederfindet und auch nie eine Antwort bekommt- es kann auch daran liegen 😉 ).

Fakt ist doch :was nicht passt, wird auch nicht passend gemacht – lässt sich zwischenmenschlich auch nicht passend machen und sollte ehrlich beantwortet werden, um den „Weg“ wieder frei zu geben… alles andere bedeutet Rückschritt und Frustration.

An alle Fake- Profilbetreiber : Was nutzt das Euch und unseren Mitmenschen? Auch in interessantes Thema, was schon bald mal einen eigenen Artikel in unserem Blog finden wird.

Zurück zur Nettigkeit aus den Internet-Communities hinaus in den Alltag:

Würden wir uns so in unserer Realität benehmen, wäre der gesamte Tag so grau wie die grantigen Gesichter in den Bussen und U-Bahnen am Morgen. Eines jeden Arbeit würde uns doppelt so schwer erscheinen, der Tag unendlich lang und unsere Energie würde unter diesen widrigen Umständen nicht mal für den halben Tag reichen. Der Rest: Pure (Über)Anstrengung. Schnell würden wir feststellen, dass scheinbar harmlose Phänomene wie schlechte Laune oder Frust uns regelrecht krank machen können.

Dabei ist es doch so einfach, es in unserem „coolen“ Alltag ‚menscheln‘ zu lassen. Online fängt es mit mehr „Nettiquette“ an. Damit, die Anderen, die ja auch ‚nur‘ Suchende sind, mit (Be)Achtung zu begegnen – auch dann, wenn sie nicht Mr(s) Right sind.

Real ist es das Aufhalten der Türe für Nachfolgende, die Entschuldigung bei einem unbeabsichtigten Schubser, die Hilfestellung beim Hochwuchten des Koffers in der Bahn, der Nachmittagskaffee mit der alten Dame von nebenan, …

All das kostet uns wenig – höchstens ein bisschen Aufmerksamkeit und ein Lächeln. Zurück bekommen wir viel: Eine liebevollere Umgebung mit netten Menschen, in der wir uns wohl fühlen. Ein – für uns und Andere – gesundes Klima, denn die Liebe in all ihren Facetten – auch im Sinne der Nächstenliebe und sogar in ihrer Light-Version als simple Freundlichkeit – ist einfach gesund: Sie stärkt unser Immunsystem, reguliert den Pulsschlag, sogar den Blutdruck. Das ist wissenschaftlich erwiesen.

Nett sein ist also nicht nur ein Beitrag zur Volksgesundheit, sondern vor allem zum eigenen Wohlbefinden … und wer weiß, vielleicht ist der nächste Mailpartner / die nächste Mailpartnerin zwar nicht Mr(s) Right, entpuppt sich aber – nach erfolgter Antwort-Mail – durchaus als guter Freund oder bereichernde Gesprächspartnerin …

In diesem Sinne- lasst es brennen… das Leben…hier und schon bald im Freizeitcafe – und „nett“ sein ist nicht der kleine Bruder von „Scheiße“.

Euer Christian Gera