Bonn/Köln/Düsseldorf – Beim Stichwort Enterprise 2.0 und Social Media reiche es nicht aus, auf Hype-Themen zu setzen, warnt der Berater Alexander Greisle nach einem Bericht der Zeitschrift brand eins. Es gehe um nichts weniger als „einen Kulturshift“. Vorgesetzte müssten Offenheit lernen, Kontrolle abgeben, Ergebnisse auch aushalten. „Hat ein Unternehmen eine ausgeprägte Präsenz- und Meetingkultur, nützt es nichts, einfach Technik reinzupacken und zu behaupten: Wir sind offen für Digital Natives“, erläutert Greisle.

Wer vernetztes Arbeiten erwarte, das Verschwimmen räumlicher und zeitlicher Grenzen, den Einsatz kollaborativer Werkzeuge, der tut sich mit nine to five, Hierarchien und der klassischen Kaminkarriere schwer: Man spüre fast körperlich den Praxisschock junger Menschen, die mit der klassischen Welt des Managements konfrontiert werden, so die Erfahrungen von Greisle. Am Ende entstehe eher Frustration beim Management-Nachwuchs. „Organisationen, die das nicht verhindern können, verlieren hoffnungsvolle Talente und verspielen über kurz oder lang ihre eigenen Zukunftschancen“, sagt Personalexperte Udo Nadolski, Geschäftsführer von Harvey Nash in Düsseldorf.

Über die Erfahrungswelten, die vor allen Dingen die jungen Menschen aus sozialen Netzwerken und der Anwendung von Web 2.0-Technologien mitbringen, werde nicht nur das Zusammenspiel von Verbrauchern und Unternehmen radikal verändert. „Es verändern sich auch die Spielregeln in den Organisationen von Staat und Wirtschaft. Wer hier weiter auf starre Kommandostrukturen setzt, verliert als Arbeitgeber an Attraktivität und bekommt auf dem Arbeitsmarkt nicht die besten Köpfe“, prognostiziert der Harvey Nash-Chef.

Wer sich als Unternehmen auf die Social Media-Welt einlässt, sollte sich in allen Geschäftseinheiten vom Mythos der absoluten Kontrolle, Rationalität und Planbarkeit verabschieden, empfiehlt der Kölner Softwareexperte Andreas Klug. „Es reicht nicht aus, für die Kulisse ein kleines Twitter-Team im Kundenservice zu bilden und alles andere beim Alten zu belassen. Damit wird man kläglich scheitern. Der amerikanische Organisationspsychologe James C. March plädiert für eine ‚Technologie der Torheit‘. Er meint damit aber nicht Albernheit, sondern Verspieltheit, um Raum für Experimente zu schaffen. Organisationen kommen nicht ohne Wege aus, Dinge zu tun, für die sie keine guten Gründe haben. Es existiert in allen Entscheidungssituationen eine Menge Unsicherheit und Konfusion, die von den traditionellen Managementkonzepten und verstaubten BWL-Theorien ignoriert werden“, so Klug, Mitglied der Geschäftsführung von Ityx.

Experten gehen davon aus, dass virtuelle Unternehmensnetzwerke in Zukunft zur dominierenden Organisationsform der Wirtschaft zählen. Die Partnernetzwerke spielen ihre Stärken aus, indem sie Wissen zusammenführen, Risiken und Kosten teilen, die Auslastung erhöhen und den Kundenservice verbessern. „Inzwischen vernetzen sich Unternehmen in drei Richtungen: Sie bringen auf verschiedene Abteilungen und Standorte verteilte Mitarbeiter über Web-2.0-Technologien und integrierte Kommunikationsplattformen zu Projektteams zusammen. Im nächsten Schritt wird Team Collaboration zu Cross Company Collaboration – die firmenübergreifende Vernetzung mit Zulieferern, Partnern und Kunden“, erläutert Hagen Rickmann, Geschäftsführer Service von T-Systems. Wer zudem mit Kunden direkt an Produkten und Dienstleistungen arbeite, setzt auf „Mass Collaboration“, um die Wünsche der späteren Käufergruppe schon in die Entwicklung einzubeziehen. „Wer Collaboration im Unternehmen etablieren möchte, muss sich auch Gedanken über die Technik und die Organisation machen. Hier verschmelzen wie in kaum einer anderen Disziplin Informations- und Telekommunikationstechniken“, resümiert Rickmann.

Quelle : ne-na.de