„Und so verliebte sich der Löwe in das Lamm…Was für ein dummes Lamm…Was für ein kranker, masochistischer Löwe.“


Viele Menschen kennen dieses Zitat aus dem Schmalzepos Twilight – und doch steckt soviel mehr in diesen Worten:

Totale Selbstaufgabe durch romantische Verblendung:  Der Löwe folgt dem Lamm in die Herde und hört damit auf ein Löwe zu sein … es gibt nichts abartigeres als einen Löwen, der sich einer Schafsherde anpasst. Ok – dies ist eine sehr idealistische Deutung des ganzen.
Mythologisch betrachtet würde man es folgendermaßen deuten :  „Der Löwe entpuppt sich als nicht-Löwe und das Lamm als nicht-Lamm und die ganze wilde Liebesgeschichte stimmt vorn und hinten nicht“ – weil ein Löwe sich gar nicht verlieben kann usw. . Lassen wir das – dieser Beitrag gehört in die Gruppierung Singles und Dating und der Löwe und das Lamm sollten eine schöne Einführung zum Thema „Selbstzweifel“ sein. Ein jeder hat sie – im Leben, im Beruf, beim Date…der Mensch (Löwe/Lamm) ist empfindlich. Damit wir uns mit diesem Aspekt einmal auseinandersetzen, haben wir vom Freizeitcafe die Erlaubnis bekommen den tollen Essay von Frau Eva Ihnenfeldt posten zu dürfen. Er soll Euch dabei helfen – falls Ihr an Selbstzweifeln leidet – sei es denn in der Liebe/Partner/Freundschaftssuche oder in anderen Lebensbereichen- wieder herzhaft lachen zu können. Egal ob Du Löwe oder Lamm bist. Viel Spass dabei :

Selbstzweifel tun weh, sind bedrohlich, können krank machen. Selbstzweifel haben Macht über uns. Wenn sie kommen, kann man sie höchstens für eine kurze Zeit verdrängen – doch sich wirklich davor schützen kann man nicht. Auch der erfolgreichste Sportler kennt Selbstzweifel, auch der skupelloseste Machtmensch kann sich in ihnen verlieren, auch die glücklichste Kindheit ist kein Bollwerk gegen Selbstzweifel – wenn denn nur jemand die entsprechenden empfindlichen Punkte anpiekt.

Ursachen von Selbstzweifel:

Selbstzweifel entstehen im Spannungsfeld von Urteilen und Verurteilt werden. Sie sind dem Verstand untergeordnet. Ein Tier kann keine Selbstzweifel empfinden – und manche Menschen können es auch nicht, was diese vor vergleichbare Schwierigkeiten stellt wie Autismus den hochsensiblen Menschen. Wo der Autist Reize nicht einordnen, verwerfen und gewichten kann, kann der Mensch ohne Selbstzweifel Urteile nicht verstehen und treffen – ihm fehlt die moralische Instanz – das lebendige Über-Ich.

Selbstzweifel können auch mit dem Gewissen verglichen werden. Ein Mensch ohne Selbstzweifel ist ein Mensch ohne Gewissen. Das Gewissen ist eine Errungenschaft der menschlichen Zivilisation, denn das Gewissen setzt voraus, dass man sich aktiv in die Natur “einmischen kann”. Aus dem Wunsch, die Natur um sich selbst herum positiv zu beeinflussen, bildet sich das Gewissen, das “die Götter gnädig” stimmen möge.

Selbstzweifel, Urteile und Gottesdefinition

Vieles spricht dafür, dass die ersten Götterbilder im menschlichen Geist gebildet wurden, als er mit dem Ackerbau begann. Gott war vielleicht zunächst ein Synonym für “Wetter” – denn nichts konnte dem Menschen und seiner Familie so sehr schaden wie das unkalkulierbare Wetter. Trotz Fleiß, Klugheit, Sensibilität und Stärke hatte das Wetter die Macht, die ganze Familie in einem einzigen Jahreszyklus zu vernichten. Also war es sinnvoll, über Selbstzweifel (vielleicht will das Wetter mich für irgendetwas “Böses” strafen) Dinge zu kreieren, die diesen unfassbaren Gott des Wetters besänftigten: Rituale, Werte, Gesetze und Gebete.

Selbstzweifel damals und heute

Wenn wir vor neue Herausforderungen gestellt werden, unvertrautes Terrain betreten, eine Familie gründen, Karriere machen, wenn wir krank werden, alt werden, alles verlieren… regen sich Selbstzweifel – auch beim Mafiaboss und auch beim tiefreligiösen Mönch. Bin ich dem gewachsen? Werde ich die Götter gnädig stimmen? Werde ich mein Schicksal bewältigen? Werde ich stark, gesund und fröhlich bleiben – werde ich weiterhin an mich glauben? Sicher ist es lächerlich, wenn Berlusconi über seinen Arzt verlauten lässt, der Staatschef könne auch mit 74 Jahren noch sechsmal in der Woche Sex haben – doch was sich dahinter verbirgt, sind Selbstzweifel, die über den “Arzt-Priester” als Beschwörung den Potenzgott gnädig stimmen sollen.

Selbstzweifel: wie man sie erkennen kann

Unser Verstand ist ständig beschäftigt mit Urteilen und der Auswertung von Urteilen über uns. Das ist sozusagen seine Funktion, um den Gewalten um uns herum aktiv begegnen zu können – das ist das, was uns vom Tier unterscheidet. Wir brauchen unsere Selbstzweifel wie ein Messgerät, das uns durch das Leben führt. Bei manchen Menschen liegen die Selbstzweifel so tief vergraben, dass man Stein und Bein schwören könnte, sie hätten überhaupt keine (z.B. Chefs, die über ihre Mitarbeiter völlig rücksichtslos herrschen), oder sie lassen einen Menschen pervertieren wie den Anführer in einer Schulklasse, der schwächere Mitschüler erpresst und quält.

Selbstzweifel kann man jedoch – auch wenn diese durch Gewöhnung an ständige Selbstzweifel tief vergraben sind – wunderbar durch körperliche Symptome identifizieren. Der Sitz der Selbstzweifel ist der Sitz unseres autonomen Nervensystems – und Zweifel äußern sich genau hier. Folgende Symptome lassen zum Beispiel auf Selbstzweifel schließen:

  • Atembeschwerden
  • Schluckbeschwerden
  • Rückenschmerzen
  • Schulter- und Nackenverspannungen
  • Ohrensausen/ Tinnitus
  • Kopfschmerzen

Selbstzweifel drücken von oben (vom Über-Ich – von der übergeordneten Autorität) auf unser Einverständnis mit uns selbst. Wir denken, wir sind nicht richtig so, wie wir sind – und wir haben panische Angst davor, dass es unsere Umgebung merkt. Denn sobald sie es merkt, wird sie sich gnadenlos auf uns stürzen – wie eine Armee dieses “Gottes”, der ja nicht zufrieden ist mit uns.

Was löst Selbstzweifel aus?

  • Mädchen und Frauen leiden häufig an Selbstzweifeln gegenüber ihrer sexuellen Attraktivität. Sie fühlen sich zu dick, zu dünn, zu groß, zu klein, zu blond oder zu brünett
  • Jungen und Männer leiden häufig an Selbstzweifeln gegenüber ihrer Stärke, ihrer Macht. Sie fühlen sich zu schwach, zu dumm, zu verletzbar, zu weich.
  • Männer wie Frauen leiden häufig an Selbstzweifeln bezüglich ihres Charakters, ihres Wesenskerns – denn selbstverständlich liegen die Wurzeln des Über-ichs vor allem in der Definition von “Gut” und “Böse”. Sie fühlen sich zu habgierig, egoistisch, ignorant gegenüber dem Leid in der Welt.
  • Selbstzweifel entstehen immer dann, wenn wir empfindlich sind gegenüber Urteilen über uns. Das Kind empfindet Selbstzweifel, wenn die Eltern es “nicht richtig” finden, Schüler empfinden Selbstzweifel, wenn sie von Lehrern abwertend beurteilt werden. Das Mitglied einer sozialen Gemeinschaft empfindet Selbstzweifel, wenn es ausgestoßen wird, verlacht, verurteilt, bestraft.

Selbstzweifel: Bekämpfen oder Annehmen

Vor wenigen Monaten erlebte eine strahlende Persönlichkeit des öffentlichen Lebens, Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, durch den Vorwurf eines erschlichenen Doktor-Titels den Absturz vom höchsten Thron der Bewunderung zur maximalen öffentlichen Aburteilung. Er war durch einen plötzlichen Umschwung der öffentlichen Meinung (der “Jesus-Effekt”) gezwungen, sich mit Selbstzweifeln auseinanderzusetzen, seine Werte und seinen Glauben neu zu definieren. Fast immer gehen Menschen, die einen solchen Absturz erleben, geläutert aus der Krise hervor. Doch eine solche Selbszweifel-Läuterung kann nur erfolgen, wenn man sich in der akuten Situation damit auseinandersetzt. Sobald Selbstzweifel chronisch werden, machen sie krank. Menschen mit tiefsitzenden Selbstzweifeln neigen zu Süchten, Depressionen, Machtmissbrauch, Unterwerfung, Sadismus und/ oder Abstumpfung.

Bekämpfen von Selbstzweifeln heißt auch, Selbstzweifel zu unterdrücken. Affirmationen wie “Ich bin stark” “Ich bin gut” “Ich bin wertvoll” “ich bin schön” sollen die nagenden Selbstzweifel niederschreien. Ein Mensch, der sich bemüht, sich über Suggestionen umzuprogrammieren, geht noch tiefer in die Fremdbestimmung, die die Konsequenz unverarbeiteter Selbstzweifel darstellt. Sekten wie Scientology stehen in dem Ruf, bei Selbstzweifeln anzusetzen, um über Umprogrammiererungen den Menschen fremdzubestimmen.

Annehmen von Selbstzweifeln ist der zunächst schwierigere Weg, aber auch der erfolgreichere. Vor einigen Jahren gab es auf Jahrmärkten als Gag T-Shirt’s zu kaufen mit dem Aufdruck “Ich war als Kind schon Scheiße”. Allein die spontane Reaktion auf so einen Spruch zeigt, wie das Annehmen von Selbstzweifeln befreien kann.

Annehmen heißt, sich geborgen fühlen, sich geliebt fühlen, ganz so wie man ist. Ohne Geborgenheit, Vertrauen und “Sinn” – ohne stabiles “Über-ich” sind wir unseren Selbstzweifeln schutzlos ausgeliefert wie ein Neanderthaler dem Wetter. Wie dieses Über-Ich gestaltet ist, ist weniger wichtig als dass es überhaupt eines gibt. Ob man seinen “Sinn” dadurch findet, dass man in die Kirche geht und betet – oder ob man sich durch den Glauben an ein kosmisches Gesetz geleitet fühlt, ist nicht erheblich. Wichtig ist die Sehnsucht, die uns treibt, Sehnsucht, die uns an uns selbst arbeiten lässt und die uns den Schlüssel liefert für Kreativität, schöpferische Gestaltungsfreiheit und lebenslange Persönlichkeitsentwicklung.

Menschen ohne die Fähigkeit zu Selbstzweifeln sind von dieser Kraftquelle abgeschnitten. Menschen mit Selbstzweifeln steht über ihr Gewissen – über ihr Über-Ich – eine geistige Quelle zur Verfügung, die Verurteilungen in Freiheit verwandeln kann, und Fremdbestimmung in die Entdeckung des eigentlichen Seins.
Und was immer hilft: Einfach mal herzhaft lachen.

Quelle :

Eva Ihnenfeld

http://www.steadynews.de/allgemein/selbstzweifel-bremse-oder-motor-bekampfen-oder-annehmen

Bildquelle :

http://christozentrisch.wordpress.com/2008/05/03/das-tausendjahriges-reich-wortlich-oder-allegorisch/