Ich erlebe es immer häufiger. Bei (fast) allem was man tut stellt man sich die Frage ob und wie man es auf den verschiedenen sozialen Netzwerken präsentieren soll.

Konzerte, Kinoabende, Shoppingtouren, Theater- und Zoobesuche  werden innerlich in Echtzeit protokoliert und überprüft. Was ist wichtig? Was war lustig? Worüber kann ich berichten? Wem kann ich es berichten? Darf es meine Freundin erfahren? Darf mein Chef davon wissen? Würde es meine Jobaussichten ruinieren wenn in Zukunft ein Personalchef drüber stolpert? Und wenn ich nun was poste. Dann wie verdammt noch mal? Verpodcaste, veryoutube, vertexte oder verbildere ich meinen Gedanken- und Erfahrungswust um ihn der Welt präsentieren zu können?

Wir kleben am Blatt

Alles schön und gut. Alles unheimlich social und connecting. Aber ein Problem gibt es dabei. Es ist der gleiche Effekt der eintritt, wenn ich in einer wichtigen Vorlesung oder Präsentation sitze und vor lauter Mitschreiben nichts mehr von dem mitbekomme, was der Mensch da vorne eigentlich macht. Seine Körperhaltung, seine Mimik, die Atmosphäre des Raumes, das Verhalten der anderen Teilnehmer, Sarkasmus oder Ironie, die Bedeutung des Ganzen für mein eigenes Leben: Nichts davon nehme ich wahr. Gut, ich kann mir später meine Notizen durchlesen, doch der Punkt ist: Während es passiert ist mein Geist abwesend.

Wie lässt sich der Moment vermarkten?

Dasselbe gilt für social Networks und das Leben. Wir befinden uns in einem Zustand permanenter Selbstvermarktung in der wir auf der Suche nach Alleinstellungsmerkmalen und Zielgruppen aus jedem einzelnen, unwiederbringlichen, schicksalsgegebenen Moment unseres kostbaren Lebens Marketingmunition für unseren sozialen Aufstieg machen. Wir erleben ein Konzert, einen Kuss, ein Gespräch nicht mehr einfach um seiner selbst willen. Er gehört nicht uns und unserer inneren Stimme, sondern ist immer zugleich an die Öffentlichkeit und an die Zukunft gerichtet.  Schnell wird daraus dann auch die Frage nach dem Nutzen (in Marketingsprech: Return on Investment) jeder einzelnen Handlung unseres Lebens. Wir wollen Gewinne. Und zwar nicht nur den schnöden Lustgewinn, den uns das Erlebnis von sich aus schenkt. Nein. Wir wollen glänzende Anerkennung, klingende Lacher und bare Aufmerksamkeit.

Das Ergebnis der ganzen Sache: Wir informieren uns über unser eigenes Leben zu großen Teilen auf dieselbe Weise wie unsere online Freunde, nämlich durch unsere virtuelle Pinnwand.

Ist die Facebook Timeline die Lösung?

Wem diese Situation missfällt, der hat im Grunde zwei Möglichkeiten. Die erste Möglichkeit ist es, den konstanten Livestream aus dem eigenen Leben auf wirklich relevante Ereignisse zu verringern und sich selbst ein Stück Ich zurückzugeben.

Den Ansatz einer zweiten Möglichkeit bietet uns seit kurzem Facebook. Die neue Timeline schneidet – halbautomatisch – unser gesamtes Webleben mit und protokolliert beispielsweise Filme, Musik oder Videos die wir konsumieren in ein übersichtliches und chronologisches Tagebuch, welches durch unsere bewusst eingestellten Beiträge ergänzt wird. So bleiben wir selbst dann „sozial“ wenn wir uns keine Gedanken mehr darüber machen. Natürlich bleibt da unser offline Leben vorerst außen vor. Aber ich würde nicht meine Hand dafür ins Feuer legen, dass nicht irgendwann Apps an der Tagesordnung sind, die solche Ereignisse automatisch oder mit geringem Aufwand auch noch dort einspeisen. So wird uns dann zwar ein Großteil der Selbstvermarktung abgenommen – nur Leider um den Preis von noch weniger Privatsphäre.

Welchen Weg werdet ihr gehen?

 

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