Bücher, die bleiben. Damit beschäftige ich mich im heutigen Blogartikel für Euch. Wenn ich an meine Lieblingsbücher aus der Schulzeit zurückdenke, taucht sofort dieses besondere Gefühl wieder auf: zwischen Kindheit und Erwachsenwerden zu stehen.
Damals haben und „mussten“ wir natürlich vieles lesen, weil es auf dem Lehrplan stand. Manche Titel vielleicht mit Widerwillen begonnen – und dann doch nicht mehr aus der Hand gelegt. In meiner Zeit als Lehrling im Buchhandel war das sogar noch ausgeprägter – aber reden wir nicht davon. Es geht hier um unsere wunderbare Kindheit. Denn ob Du es glaubst oder nicht: Das, war wir Lesen, prägt uns auch fürs Leben – Jahrzehnte später.
Bücher die bleiben
Zeitreise. 35 Jahre später. Und heute? …
Manche dieser Bücher würde ich sofort wieder lesen. Nicht nur aus Nostalgie. Sondern weil sie etwas in uns berührt haben, das zeitlos ist.
Vielleicht liegt das Geheimnis darin, dass wir ihnen in einer Phase begegnet sind, in der alles in Bewegung war. Unsere Identität, unser Weltbild, unsere Gefühle. Jugend ist eine Zeit der Extreme – und Literatur trifft in dieser Lebensphase besonders tief.
🌟 Der kleine Prinz – Die Sehnsucht nach Echtheit

Der kleine Prinz von Antoine de Saint-Exupéry
Als Jugendlicher habe ich diese Geschichte wie ein poetisches Märchen gelesen. Die Begegnungen mit dem Fuchs, der Rose, den sonderbaren Erwachsenen – all das war zart und traurig und irgendwie tröstlich.
Psychologisch spricht dieses Buch genau jene Phase an, in der Jugendliche beginnen, die Welt der Erwachsenen zu hinterfragen. Warum wirken sie so beschäftigt, so vernünftig, so seltsam festgelegt? Der kleine Prinz sieht die Absurditäten – und wir fühlen uns verstanden.
In der Jugend wächst oft das Gefühl: Die Erwachsenen haben etwas Wichtiges vergessen. Und genau das formuliert dieses Buch.
Heute lese ich es anders. Mit mehr Wehmut. Mit dem Wissen, wie leicht man selbst in Routinen, Zahlen und Pflichten gefangen ist. Als Erwachsene erkennen wir die stille Melancholie zwischen den Zeilen. Wir lesen nicht mehr nur eine Geschichte – wir lesen eine Erinnerung an unsere eigene Unvoreingenommenheit.
🖤 Krabat – Der Mut, sich zu lösen

Krabat von Otfried Preußler
Die düstere Mühle, der geheimnisvolle Meister, die schwarzen Künste – als Jugendlicher war ich fasziniert von dieser unheimlichen Atmosphäre.
Doch rückblickend ist „Krabat“ viel mehr als ein düsteres Märchen. Es geht um Macht, Abhängigkeit und die Frage nach Selbstbestimmung. Genau diese Themen beschäftigen Jugendliche intensiv: Wie viel passe ich mich an? Wann widerspreche ich? Wie finde ich meinen eigenen Weg? Dieses Buch wurde mir übrigens empfohlen von einem lieben Mädchen. Wer weis warum? 🙂
In der Pubertät erleben wir Gruppendruck und Autorität sehr direkt. Das Buch trifft diesen inneren Konflikt erstaunlich präzise.
Heute, mit mehr Lebenserfahrung, sehe ich stärker die psychologischen Mechanismen: Manipulation, Verführung, das langsame Hineingleiten in Abhängigkeit. Und ich bewundere umso mehr den Mut, sich daraus zu befreien. Vielleicht berührt uns die Geschichte deshalb bis heute – weil sie vom Erwachsenwerden im tiefsten Sinne erzählt.
🐉 Die Welten von Wolfgang & Heike Hohlbein – Fantasie als Zuflucht

Wolfgang Hohlbein & Heike Hohlbein, u.a. Der Greif
Die Fantasy-Romane der Hohlbeins waren für mich wie geheime Portale in andere Welten. Stundenlang konnte ich darin verschwinden. Es war, als wenn ich mich auf meine ganz eigene Burg zurückgezogen hätte. 800 Seiten an einem Wochenende? Kein Problem! Meine Mutter verstand die Welt nicht mehr…aber sie hatte auch Ihre Ruhe vor mir 🙂
Psychologisch betrachtet erfüllt Fantasy in der Jugend eine wichtige Funktion. Diese Lebensphase ist geprägt von Unsicherheit, Selbstzweifeln und dem Gefühl, noch keinen festen Platz in der Welt zu haben. Fantastische Geschichten erzählen vom unscheinbaren Jungen oder Mädchen, das plötzlich besondere Fähigkeiten entdeckt. Vom Auserwähltsein. Von verborgenen Kräften.
Das ist mehr als Eskapismus. Es ist ein inneres Bedürfnis nach Bedeutung. Nach dem Gefühl: Ich bin mehr, als ich gerade sehe.
Als Erwachsene lesen wir solche Bücher vielleicht mit einem leisen Lächeln. Aber auch mit Dankbarkeit. Sie haben unsere Vorstellungskraft geweckt und uns gezeigt, dass Realität nicht alles ist. Und manchmal brauchen wir auch heute noch genau diese Erinnerung.
🌿 Demian – Die Suche nach dem eigenen Ich

Demian von Hermann Hesse
„Der Vogel kämpft sich aus dem Ei. Das Ei ist die Welt.“
Als Schüler habe ich dieses Buch nicht vollständig verstanden – aber ich habe gespürt, dass es wichtig ist. Dass es um etwas geht, das mich betrifft.
Jugendliche stehen mitten im Prozess der Identitätsbildung. Wer bin ich jenseits von Erwartungen? Welche Werte sind wirklich meine? „Demian“ gibt dieser inneren Zerrissenheit eine Sprache.
Damals fühlte sich vieles dramatisch und existenziell an. Heute lese ich das Buch ruhiger. Ich erkenne die Intensität dieser Phase – und sehe zugleich ihre Notwendigkeit. Identität entsteht nicht ohne Reibung. Als Erwachsene verstehen wir mehr – aber wir spüren auch wieder, wie ernst uns diese Fragen damals waren.
🌸 Frühlings Erwachen – Sprachlosigkeit und Aufbruch

Frühlings Erwachen von Frank Wedekind
Dieses Drama hat uns damals erschüttert. Sexualität, Scham, gesellschaftlicher Druck – Themen, die Jugendliche intensiv beschäftigen, über die aber oft nicht offen gesprochen wird.
Psychologisch spiegelt das Stück die Unsicherheit der Pubertät. Der Körper verändert sich, Gefühle werden überwältigend, und gleichzeitig fehlt oft eine offene Sprache dafür. Jugendliche suchen Orientierung – und stoßen auf Schweigen.
Als Erwachsene lesen wir dieses Werk mit einem anderen Blick. Wir erkennen die gesellschaftlichen Strukturen, die Tragik fehlender Kommunikation. Und vielleicht berührt es uns heute noch mehr, weil wir verstehen, wie entscheidend Offenheit und Begleitung in dieser Lebensphase sind. Heute als Erwachsener bin ich sogar real und live auf den Spuren der Wedekinds unterwegs – eine tolle, inspieriende Welt!
💰 Der Besuch der alten Dame – Moral auf dem Prüfstand

Der Besuch der alten Dame von Friedrich Dürrenmatt
Damals erschien es vielleicht wie ein Lehrstück über Moral. Eine Stadt, die sich kaufen lässt. Eine Entscheidung, die alles verändert.
Doch Jugendliche befinden sich selbst in einem ständigen moralischen Aushandlungsprozess. Wie standhaft bin ich? Wie wichtig ist mir Zugehörigkeit? Würde ich anders handeln als die anderen?
Das Stück konfrontiert uns mit der Macht von Gruppendruck – ein Thema, das gerade in der Schulzeit sehr real ist.
Als Erwachsene erkennen wir zusätzlich wirtschaftliche Interessen, soziale Dynamiken, Selbsttäuschung. Wir lesen differenzierter – und vielleicht auch ernüchterter. Und doch bleibt die zentrale Frage dieselbe: Was ist mein Preis?
Mein ganz persönliches Fazit zu Bücher die bleiben (ich könnte diese Liste noch ganz weit stricken; habe Euch jedoch mal ein paar „Perlen“ herausgefischt):
Vielleicht bleiben uns diese Bücher deshalb so nah: Weil sie uns in einer Phase begleitet haben, in der wir besonders offen waren. Besonders verletzlich. So jung. Besonders suchend.
Sie erzählen von Identität, Moral, Freiheit, Zugehörigkeit, Liebe, Macht. Von all dem, was uns damals bewegt hat – und was uns eigentlich immer noch bewegt.
Und wenn wir sie heute wieder lesen, begegnen wir nicht nur der Geschichte. Wir begegnen einem jüngeren Teil von uns selbst.
Habt ihr auch solche Bücher, die euch seit der Schulzeit begleiten? Geschichten, die ihr heute anders – vielleicht milder, vielleicht tiefer – versteht als damals? Ich bin schon riesig auf Euer Feedback und vor Allem: Eure Bücher die bleiben gespannt.
Herzliche Grüße, Christian Gera
PS: Willst Du überdies Bücher nicht nur Lesen, sondern auch Einsprechen? Dann schaue Dir unbedingt das HIER AN.
PPS: Nicht nur Bücher müssen bleiben – sondern auch Wir Sprecher. Deshalb lese auch das hier.

