Cybermobbing? Porno-Schwemme? Wenn es um das Internet geht, wird eine gefährliche Entwicklung völlig unterschätzt: die soziale Spaltung. Bildungsunterschiede haben großen Einfluss darauf, wie Jugendliche das Netz nutzen – und sich gegenseitig diskriminieren. Jugendliche Internet-User: „Die Ideologie und das Wissen einer Elite“.

Wenn Zoe ins Internet will, muss sie sich Zuhause an den Familiencomputer im Flur setzen. Die 13-Jährige darf täglich eine Stunde ins Netz. Am häufigsten ist Zoe auf SchülerVZ. Dort hat die Realschülerin nach eigenen Angaben 300 bis 400 Freunde. Dabei lehnt sie auch viele Freundschaftsanfragen ab. „Ich will nicht, dass die asozialen Typen meine Bilder sehen“, sagt sie. „Die könnten die sonst kopieren.“ Für asozial hält sie jemanden, der zum Beispiel eine schlechte Wohnung hat. „Bei Freundschaftsanfragen erkennt du am Namen und am Bild, ob die asozial sind. Oft sind die von der Hauptschule.“ Zoe hat im Sommer schlechte Erfahrungen mit Hauptschülern gemacht. Als sie auf ihrer SchülerVZ-Seite schrieb, dass sie mit einer Freundin ins Freibad gehe, folgten ihr einige Jungen aus der Hauptschule und beobachteten die Freundinnen beim Schwimmen. Außerdem lauerten dieselben Jungen einer Freundin beim Stadtbummel auf. „Das heißt aber nicht, dass alle Hauptschüler asozial sind“, betont Zoe.

Asis oder Asoziale – diese Begriffe fallen häufig, wenn man sich mit Jugendlichen unterhält. Manchmal sind sie nur als Schimpfworte dahergesagt, manchmal bringen sie eine bewusste Abgrenzung von sozial Schwächergestellten zum Ausdruck. Dass Kinder und Jugendliche solch politisch aufgeladenes Vokabular wie selbstverständlich verwenden, kann kaum verwundern. In Diskussionen um die Reformen von Hartz IV oder den Thesen von Thilo Sarrazin ist es dauerpräsent.

Eine Leerstelle bleibt aber: nämlich das Internet. Für viele Dinge von Cybermobbing bis Porno-Schwemme muss das Internet als Sündenbock dienen, aber in Zusammenhang mit sozialer Spaltung ist es kein Thema. Das ist eine grobe Nachlässigkeit, denn nichts beeinflusst die Internetnutzung von Jugendlichen in Deutschland mehr als ihr Bildungshintergrund. Weder Geschlecht noch ethnische Zugehörigkeit sorgen für eine ähnliche Spaltung zwischen Gleichaltrigen. Zu diesem Ergebnis kamen die Forscher des „Kompetenzzentrums für informelle Bildung“ (KIB) der Uni Bielefeld schon 2004. Sie hatten ausdrücklich nach Hinweisen auf soziale Ungleichheit im Netz gesucht. Doch auch Studien, die keine explizit kritische Ausrichtung haben, kommen zu demselben Schluss: Gymnasiasten und Hauptschüler weisen die mit Abstand größten Unterschiede in der Internetnutzung auf.

„Die Ideologie und das Wissen einer Elite“

In populären Büchern über die „Digital Natives“ finden sich indes keine Hinweise auf das Zusammenspiel von Bildung und Internetnutzung. Schicht-blind sind die Netzdeuter trotzdem nicht. Als sich Don Tapscott daran machte, mit „Growing up Digital“ das erste Porträt der „Generation Internet“ zu schreiben, orientierte er sich an seinen eigenen Kindern. Er staunte darüber, wie sein 7-jähriger Sohn Alex bereits E-Mails an den Weihnachtsmann verschickte und sich seine 10-jährige Tochter Nicole wie selbstverständlich in Chatrooms bewegte. Diese Beobachtungen machte Tapscott nach eigenen Angaben schon 1993 und entwickelte daraus schließlich seine Idee der „world-changing net generation“, der Welt verändernden Netz-Generation.

Dass die Kinder eines Unternehmensberaters und Management-Professors, der schon Anfang der 1990er Jahre einen Apple-Computer mit Internetzugang Zuhause stehen hatte, ziemlich privilegiert sein könnten, war ihm wohl nicht in den Sinn gekommen. Dabei hatten 1998 in den USA nur 36 Prozent aller privaten Haushalte einen Internetzugang. In Deutschland waren es sogar nur acht Prozent. „Es wird eine Ideologie und das Wissen einer Elite kommuniziert“, schreibt der Soziologe Christian Stegbauer über Tapscotts Thesen, „ohne dass es sich ausgewiesenermaßen um eine Elitestudie handelt.“

Als Elitestudie verstanden, werden Tapscotts Erkenntnisse wieder interessant. Sie zeigen, wie die privilegierte Situation eines Kindes – in diesem Fall das hohe Einkommen der Eltern und ihre Bereitschaft, dieses Einkommen für internetfähige Computer auszugeben – direkt in seinen privilegierten Umgang mit der Technik mündet. Dieser Mechanismus wirkt auch in Deutschland nach und hat das Potential, die Verteilung von Bildungschancen hierzulande noch weiter zu verschlechtern.

Die aktuellsten Zahlen dazu liefert die Studie „Jugend, Information, (Multi-)Media“ (kurz: JIM) des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest. für die JIM-Studie werden jährlich über 1000 Jugendliche befragt. Die Studie wird seit 1998 durchgeführt und gilt als die verlässlichste Quelle zur Mediennutzung von Jugendlichen.

Wer benutzt welche Medien?

Demnach gibt es 2010 keine nennenswerten Unterschiede mehr beim reinen Internetzugang: 98 Prozent aller Schüler sind online, unabhängig von ihrem Bildungsstand. Lediglich bei der Frage, ob Jugendliche einen eigenen Computer besitzen, zeigen sich Differenzen. Rund 80 Prozent der Realschüler und Gymnasiasten haben einen eigenen PC, 52 bzw. 54 Prozent können damit auch ins Internet. Von den Hauptschülern haben nur 70 Prozent einen eigenen Computer und können damit zu 46 Prozent online gehen.

Deutlich größere Unterschiede zeichnen sich aber beim Zugang zu anderen Medien ab: Während die Haushalte, in denen Gymnasiastenleben, zu 69 Prozent über ein Tageszeitungs-Abo bzw. zu 53 Prozent über ein Zeitschriften-Abo verfügen, liegen diese Zahlen bei Hauptschülern bei 46 Prozent bzw. 36 Prozent. Allein bei Spielkonsolen und Abo-Fernsehen hängen die Haushalte mit Haupt-und Realschülern die Gymnasiasten in Sachen Ausstattung ab.

Entsprechend fächern sich auch die Nutzungsmuster zwischen den verschiedenen Schultypen auf: Laut JIM-Studie nutzen Jugendliche mit einem höheren Bildungsgrad häufiger das Internet, Tageszeitungen, MP3-Player und Bücher. Jugendliche mit einem niedrigeren Bildungsniveau schauen dagegen häufiger Fernsehen, nutzen das Handy stärker und spielen öfter computer- und Konsolenspiele.

Doch auch wenn Jugendliche das gleiche Medium nutzen, heißt das nicht, dass sie es auf die gleiche Weise nutzen. Gymnasiasten machen allgemein nämlich stärker von der Vielfalt des Internets Gebrauch und nutzen insgesamt eine größere Anzahl an Online-Angeboten als Haupt-und Realschüler. Sie sind kritischer, was den möglichen Wahrheitsgehalt der gefundenen Informationen angeht, und ihnen bedeutet auch die Informationsvielfalt mehr als Schülern anderer Schultypen.

Nicht zu dumm für Google

Außerdem setzen Gymnasiasten und Realschüler ihren Computer deutlich häufiger als Hauptschüler dafür ein, um Zuhause für die Schule zu lernen und/oder zu arbeiten. Ebenso suchen Gymnasiasten häufiger im Netz nach Informationen für die Schule oder die Ausbildung. und nicht nur das: Wie die Forscher vom Forschungszentrum KIB feststellten, recherchieren Schüler abhängig von der Schulform auch noch anders. Selbst scheinbar allgegenwärtige Angebote wie Google oder Wikipedia sind weit davon entfernt, universell verbreitet zu sein. So suchen Jugendliche mit formal niedrigerem Bildungshintergrund viel seltener gezielt nach Informationen und machen entsprechend auch deutlich weniger Gebrauch von Suchmaschinen: Rund 28 Prozent von ihnen nutzen Dienste wie Google überhaupt nicht. Online-Lexika wie Wikipedia sind bei ihnen auch wesentlich weniger beliebt als bei Gymnasiasten.

Das heißt nicht, dass Hauptschüler zu dumm für bestimmte Programme oder Seiten sind. Sie entsprechen nur nicht ihren Bedürfnissen. Dass sie zum Beispiel weniger googeln, deutet vor allem darauf hin, dass sie für sie wichtige Informationen aus anderen Quellen wie zum Beispiel dem persönlichen Umfeld beziehen.

Ähnlich große Unterschiede wie bei der Informationsuche ergeben sich auch im Bereich der Online-Kommunikation: Bei Schülern mit niedrigerem Bildungsgrad sind Chats sehr beliebt. Über 20 Prozent von ihnen haben dagegen keine eigene E-Mail-Adresse. Bei Gymnasiasten beträgt der Anteil nur fünf Prozent. Wie man eine Website kontaktiert – sei es durch Feedback oder das Abonnieren eines Newsletters – hängt aber häufig davon ab, ob man eine E-Mail-Adresse hat. Deshalb zeigt sich auch hier ein deutlicher Vorsprung der Gymnasiasten: 95 Prozent haben bereits Kontakt mit einer Website aufgenommen. Bei Hauptschülern sind es nur 71 Prozent.

Trägt man diese Zahlen zusammen, ergibt sich ein ziemlich eindeutiges Bild: Im Vergleich zu Haupt-und Realschülern nutzen Gymnasiasten die Vielfalt des Internets stärker und wissen gleichzeitig, wie sie am zielsichersten an Informationen kommen. Außerdem bewerten sie die gefundenen Informationen kritischer und suchen sich weitere Quellen, um den Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Diese Fähigkeiten setzen sie nicht nur für private Interessen ein, sondern auch für die Bereiche Schule und Ausbildung.

Selbst bei der Wahl, in welchem Social Network Jugendliche aktiv sind, spielt der Bildungshintergrund eine entscheidende Rolle.

Facebook, Jappy oder Netlog?

Bis vor einem Jahr durfte Dominik nur eine halbe Stunde am Tag ins Internet. Seine Eltern fanden, dass der heute 14-Jährige zu viel Zeit mit dem Computer verbrachte. Jetzt darf er unbegrenzt online sein, doch dafür hat der Gymnasiast kaum mehr Zeit: Der Stundenplan des Einserschülers ist vollgepackt, er lernt vier Sprachen. Vor einem halben Jahr ist Dominik von SchülerVZ zu Facebook gewechselt. „Da kann man mehr Sachen wie Tests oder Spiele machen“, sagt er. Dominik hat rund 150 Freunde auf Facebook. Andere Social Networks interessieren ihn nicht. „Das ist jetzt nur ein Vorurteil, aber es heißt immer, dass die Asis auf Netlog sind.“

Was Dominik vorsichtig anspricht, ist eine wenig beachtete Realität im Netz: Social Networks sind nicht austauschbar. Jede Plattform hat ihr eigenes Profil und ihren eigenen Ruf. Deshalb ziehen verschiedene Social Networks auch anderes Publikum an. Welches Publikum das jeweils ist, ist schwierig zu bestimmen, da die Gefahr groß ist, Stereotypen festzuschreiben. Zur groben Orientierung kann man aber sagen, dass SchülerVZ bislang noch das große Auffangbecken für alle Schülerinnen und Schüler bildet. Aber schon Facebook hat ein spezielleres Profil. Weil es aus dem akademischen Umfeld und dem englischsprachigen Raum stammt, hat das Social Network einen vergleichsweise elitären Anstrich. Vor allem Gymnasiasten finden Facebook deshalb attraktiv und betonen, wie wichtig ihnen die internationale Ausrichtung ist.

Das deutsche Social Network Jappy ist dagegen als eher freizügige Kontaktbörse verrufen. Wer sich dort anmeldet, wird online mit seinem Usernamen sowie Alter und Geschlecht aufgeführt, damit sich Flirtwillige schnell orientieren können. Mit 1,9 Millionen Mitgliedern in Deutschland ist Jappy im Vergleich zu den VZ-Netzwerken vergleichsweise klein, dafür sind seine User sehr aktiv. Das liegt auch daran, dass ihnen auf der Plattform ein „Rang“ zugeordnet wird. Dieser berechnet sich grob nach der Aktivität eines Users auf der Seite, also danach ob er viel chattet, mailt oder Gästebucheinträge schreibt. Unter den Usern ist deshalb der Ehrgeiz weit verbreitet, möglichst viele Gästebucheinträge („GB“) zu sammeln, damit sie rangmäßig aufsteigen – oft auch mit anzüglichen Motiven und Sprüchen.

Kein Durchkommen mit vermeintlichen Randthemen

Netlog ist ein Social Network, das in Belgien entwickelt wurde. Es ist mittlerweile in 20 Sprachen verfügbar und hat nach eigenen Angaben über 72 Millionen Mitglieder in ganz Europa. In Österreich ist Netlog eines der beliebtesten Social Networks überhaupt. In Deutschland gilt es vor allem als Plattform von Jugendlichen aus Migrantenfamilien. Das ist womöglich dadurch zu erklären, dass zum Netzwerk auch eine aktive User-Gemeinde in der Türkei gehört. Wie Jappy hat Netlog auch den Ruf, vergleichweise „prollig“ zu sein. Das könnte zum einen an den lasziven Profilbildern von weiblichen Usern liegen, die schon auf der Startseite gezeigt werden. Zum anderen ist bei Netlog die Werbung sehr präsent. unter den Gruppen finden sich auch viele kommerzielle Angebote von „Top-Marken“.

Für solche unterschiedlichen Netzkulturen haben Jugendliche ein feines Gespür. sie melden sich nur dort an, wo sie die meisten Gleichgesinnten und Gleichgestellten vermuten. Die Abgrenzung online setzt sich aber auch in anderen Bereichen als den Social Networks fort. Die Soziologin Alexandra Klein hat ähnliche Tendenzen unter Usern einer Schülerberatungsplattform im Internet, der etwas irreführend benannten „Kids-Hotline“, festgestellt. Die „Kids-Hotline“ bietet Chat-, Foren- und Einzelberatung an, wobei den Usern sowohl gleichaltrige Peer-Berater als auch ausgebildete Pädagogen zur Seite stehen.

Offiziell richtet sich die „Kids-Hotline“ an alle Kinder und Jugendlichen bis 21 Jahre. Tatsächlich zeigte sich aber im Verlauf von Kleins Untersuchung, dass die Foren von Schülern aus Gymnasien und Realschulen dominiert wurden. Sie berieten sich gegenseitig bei Themen, die von Ferienjobs bis Schul-„Burnout“ reichten und unterstützten sich auch in Sachen Liebeskummer. Hauptschüler hingegen trieben am meisten Zukunftssorgen um – wie sie Finanzprobleme in den Griff bekommen und Arbeit auch ohne Schulabschluss finden können. Mit einem Anteil von nur sechs Prozent unter allen Usern der „Kids-Hotline“ bildeten die Hauptschüler aber eine absolute Minderheit – und ihre Themen blieben Randthemen.

Letztlich erwies sich also auch ein Forum, das als offene Plattform angelegt worden war, als geschlossener Kreis. Wie auf einer Party, auf der ein Gast zu einem lebhaften Gesprächskreis dazu stößt und unvermittelt anfängt, über ein völlig anderes Thema zu sprechen, zeigten sich die anderen User irritiert angesichts der Geldsorgen der Hauptschüler – und wandten sich ab.

Der Text ist ein leicht gekürzter und bearbeiteter Auszug aus dem Buch „Sie nennen es Leben. Werden wir von der digitalen Generation abgehängt?“ von SPIEGEL-ONLINE-Redakteurin Hannah Pilarczyk. Es ist soeben im Heyne Verlag erschienen.

Quelle :http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,757280,00.html